Die Psychologie der Sitzordnung – eine Anregung.

Jeder, der regelmäßig Gruppendiskussionen durchführt, hat diese Erfahrung wahrscheinlich bereits einmal gemacht. Da machen Leute bestimmte Äußerungen in einer Gruppe und in der nächsten Gruppe kommen dieselben Kommentare, manchmal sogar fast wortwörtlich, von der am selben Platz sitzenden Person nochmal.  Es ist fast wie ein Deja-vu-Erlebnis.
Ebenfalls interessant zu beobachten ist, dass sich Personen mit gleichem oder ähnlichem Beruf auffällig häufig instinktiv nebeneinander setzen. Wesentlich offensichtlicher und einfacher zu deuten ist da schon eine sich ergebende Sitzordnung, bei der sich Männer und Frauen direkt gegenübersitzen.  Die Liste mit weiteren Begebenheiten dieser Art ließe sich weiterführen.
 

Alles Zufall? Oder gibt es doch so etwas wie die Psychologie der Sitzordnung, nach der der vom Teilnehmer gewählte Sitzplatz im Diskussionsraum sich eben nicht einfach ergibt, sondern Ausdruck einer ganz bewussten Entscheidung ist?

 
Jeder Teilnehmer hat seine eigene Persönlichkeit und seinen eigenen Charakter, jeder verhält sich in einer Gruppensituation auf seine ganz eigene Art und Weise. Die Auswahl des „richtigen“ Sitzplatzes ist  – im Unbewussten – ein non-verbaler Ausdruck von Persönlichkeit.  Es ist in Gruppendiskussionen ein oft zu beobachtendes Schauspiel, wie Teilnehmer sich ihren Platz ausspähen und diesen dann bewusst und zielstrebig sichern. 
 
Bevor der Moderator einen weiteren Einblick und Eindruck von den Teilnehmern der Gruppendiskussionen bekommt, tun dies die Teilnehmer bereits vorher im Warteraum oder beim Gang in den Diskussionsraum. Es findet eine Menge an interner, non-verbaler Kommunikation statt, bevor eine Gruppe überhaupt beginnt. Man muss sich hierüber im Klaren sein, wenn man Gruppendiskussionen in ihrer Gänze auswerten und bewerten will. Auch wenn dieser Aspekt vielleicht nicht zentral ist, lohnt es sich, einmal bewusst darüber nachzudenken.
 

In dem  oben geschilderten Kontext ergeben sich eine Menge interessanter Fragen:

  • Macht es Sinn, diesen Prozess zu manipulieren, zu lenken oder zu steuern? 
  • Was bedeutet die Psychologie der Sitzordnung für das Screening und die Zusammensetzung von Gruppen?
  • Inwieweit lässt sich dieser Aspekt überhaupt bei der Planung von Gruppendiskussionen berücksichtigen?
  • Was wäre der Gewinn, was der Verlust und wäre das in Hinblick auf die Ergebnisse von Gruppendiskussionen überhaupt angemessen? 
  • Was bedeutet diese Form der Interaktion zwischen Teilnehmern, wenn man Offline-Gruppen mit Online Focus Groups vergleicht? Sind Online-Gruppen in dieser Hinsicht ‚demokratischer‘ und vorurteilsloser?
  • Inwiefern beeinflusst der Sitzplatz das Verhalten anderer Teilnehmer in der Gruppe? Fühlen sich diese motiviert oder u.U. eher eingeschüchtert?  
  • Welche Gruppengröße ist die angemessenste?
  • Was bedeutet die Psychologie der Sitzordnung für den Verlauf von Gruppendiskussionen:  Wann beginnt die Gruppe wirklich?
  • Müssen die Rolle und Funktion des Moderators im Hinblick auf eine erweiterte Wahrnehmung von Gruppendiskussionen verändert bzw. geschärft werden?

 

Beim Blick in die gängigen Fachbücher zur qualitativen Marktforschung taucht der Aspekt der Psychologie der Sitzordnung nicht auf. Es wird zwar von Gruppengrößen, Zusammensetzung von Gruppendiskussionen, dem Rekrutieren und dem Moderieren gesprochen, nicht aber davon, ob die Art und Weise, wie sich Leute im Raum platzieren, einen Einfluss auf den weiteren Verlauf des Gesprächs haben kann und dementsprechend immer berücksichtigt werden sollte. 

Hin und wieder erlebe ich, dass bei Gruppen eine bestimmte Sitzordnung vorab festgelegt wird. Ob dies sinnvoll ist, sei dahingestellt, da man abgesehen von den Informationen aus dem Kontaktfragebogen im Vorwege keinerlei weiteren  Anhaltspunkte über die einzelnen Teilnehmer hat. Und wenn der Moderator während der laufenden Gruppe beginnt, die Sitzordnung zu ändern, stärkt das meiner Meinung nach nicht unbedingt die Position die er haben sollte. Vielmehr sollte der Moderator dann den Mut haben, besonders renitente Teilnehmer auch mal des Raumes zu verweisen. Eine gewisse Autorität sollte für alle Anwesenden im Raum (und auch hinter dem Spiegel) immer erkennbar bleiben. Dies ist aber ein anderes Thema.
 
Um es vorweg zu nehmen: ich habe eine klare Einstellung und Meinung zum Thema der Psychologie der Sitzordnung. Die basiert auf der Annahme und Vorstellung, dass man es in Gruppendiskussionen nicht mit Teilnehmern, sondern mit Menschen zu tun hat, die so sind wie sie sind. Auch im normalen Leben, bei sozialen Kontakten und generell jeder Form von Kommunikation, muss sich jeder zurechtfinden und positionieren. Wichtig ist meiner Meinung nach aber, sich bewusst darüber zu sein, dass sich Menschen in einem interaktiven Raum untereinander auf eine bestimmte Art und Weise verhalten. Ich sollte also als Marktforscher zum einen auf jeden einzelnen Teilnehmer achten, zum anderen aber auch die Gruppe an sich, die Art und Weise wie sich jeder Einzelne gegenüber jedem Einzelnen verhält und gibt bei der Auswertung und Analyse immer mit im Blick haben.
 
Eine Gruppendiskussion ist immer ein Realtime-Event, bei dem es vor allem auf Spontanität und Flexibilität  ankommt. Sie lässt sich nicht „voraussehen“, weil eben Menschen, jeder für sich  und in seiner Art einzigartig sind. Wie jemand auf bestimmte Themen, Fragen und ein bestimmtes Umfeld (Gruppensituation und andere Teilnehmer) reagieren wird, ist selbst mit dem besten Screenern nicht vorhersehbar und damit auch nicht planbar.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass man durch intelligent aufgebaute Kontaktfragebögen und Fragen, die einen gewissen Einblick in die Persönlichkeit des potentiellen Teilnehmers geben zumindest einen ungefähren Eindruck von der Person zu bekommen. Wirklich verlässlich ist dies zwar nicht, weil es zu viele andere Einflussgrößen gibt, aber es ist zumindest eine Möglichkeit den Auswahlprozess der Diskussionsteilnehmer kontrollieren zu können.
 
Der Moderator selbst hat die Möglichkeit, die Teilnehmer vor Beginn der eigentlichen Gruppendiskussion kurz zu begrüßen oder aber einen kurzen Blick auf sie zu werfen. Auf diese Art und Weise kann man einen 1. Eindruck bekommen, muss aber auch so ehrlich sein, dass trotz aller Erfahrungen mit Menschen in Gruppendiskussionen man nie sicher sein kann, ob man sich hinsichtlich der Einordnung der einen oder anderen Person auch einmal irrt.
 
Eine Sitzordnung von vornherein vorzugeben, wäre zwar eine Möglichkeit, aber auch hier wäre wohl kaum sichergestellt, negative Aspekte, die durch die Sitzordnung auftreten könnten auszuschliessen.
Viel wichtiger ist es in diesem Zusammenhang, die einzelnen Individuen (und damit ‚Positionierungen‘) am Tisch genau zu analysieren und zu definieren und mithilfe dieser Definitionen die Auswertung und Analyse der Ergebnisse zu schärfen. Dies wird Thema eines zukünftigen Beitrages an dieser Stelle sein.
 
Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, im Layout des Gruppendiskussionraums Effekte, die durch die Sitzordnung zustandekommen könnten zu minimieren? Ich habe persönlich gute Erfahrungen gemacht, wenn man mit den Teilnehmern in einer Runde sitzt ohne einen Tisch dazwischen zu haben. Dies ist zwar für viele zunächst ungewohnt, im Laufe der Diskussionsrunde werden jedoch alle zunehmend entspannter; der Rahmen ist deutlich weniger förmlich.
 
Das oben beschriebene Phänomen der Psychologie der Sitzordnung tritt nur bei Gesprächsrunden ab einer bestimmten Größe auf, nämlich ab Gruppen mit einer Größe von 5-6 Teilnehmern. Je größer die Gruppe, desto größer auch die möglichen Einflüsse.
 
Fazit
Es lohnt sich, über den Aspekt der Psychologie der Sitzordnung einmal genauer nachzudenken. Auch wenn die Effekte auf den Verlauf und damit die Ergebnisse der Gesprächsrunden eher gering sein dürften, spielt die indirekt dadurch vermittelte Persönlichkeit jedes einzelnen Befragten doch eine Rolle bei der Auswertung und Analyse der Diskussion.
Auch erscheint es wichtig, sich bewusst zu machen, dass jede Gruppendiskussion beginnt, bevor das eigentliche Gespräch beginnt. Sich hierüber bewusst zu sein, ist wohl die wichtigste Erkenntnis und alles in allem wahrscheinlich nur ein bescheidener Beitrag, aber dennoch hoffentlich interessant für den einen oder anderen.

Zum Abschluss würde es mich freuen, wenn Sie Ihre Meinung zum Thema kurz über die Beantwortung der Frage unten mit mir teilen würden. Vielen Dank!

  1. Hi…schöner Beitrag.
    Und diese Gruppendynamik ist wirklich sehr interessant. Und für den Moderator, auch entscheidend, dass er die Gruppe leiten kann.
    Hasz du schon davon gehört, von einer strategischen Verhaltensfrage? Damit sie Rangordnung der Gruppe erstmal festgelegt wirs untereinander stellt der Moderator eine Frage, die für den Moderator unwichtig ist bzw. der Ausgang egal ist. Es geht dabei nur um die Rangordnung der Gruppe. Wenn der Moderator das einhält, werden die Teilnehmer nicht das „wichtige Thema“ des Moderators auseinander nehmen, um.die Rangfolge zu klären. So kann er guten Gewissens sein Thema beginnen und kann darauf vertrauen, dass es keine Streitigkeiten gibt. Und diese Prozedere sollte immer dann gemacht werden, wenn die Gruppe bspw. einen Teilnehmer weniger hat durch Krankheit usw., denn durch das Fehlen des Teilnehmers muss die neue Rangordnung erst wieder ausgehandelt werden.
    GRUSS
    Ille

    Liken

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